Biografie
Emile Henry wurde am 3. September 1920 als Sohn französischer Eltern in Lourenço Marques (Maputo) im heutigen Mosambik, damals eine portugiesische Kolonie, geboren. Ab 1941 absolvierte er seinen Militärdienst in Frankreich. Er verweigerte den Arbeitsdienst in Deutschland und wurde bei dem Versuch, nach Spanien zu fliehen, verhaftet. Im Juni 1943 nach Buchenwald deportiert, brachte ihn die SS zwei Monate später in das Außenlager Kassel, wo er bis zur Räumung des Lagers blieb. Nach der Befreiung kehrte er nach Frankreich zurück, verbrachte den Großteil seines Lebens jedoch in Portugal. Bereits 1945 veröffentlichte er seine Erinnerung an die Deportation auf Portugiesisch. Er heiratete und hatte zwei Töchter. Emile Henry starb 2007 an der Algarve.
Aus den Erinnerungen von Emile Henry
Zwangsarbeit
„Mit der Verschärfung der Bombardierungen beschlossen die Deutschen, in alle Hügel der Stadt eine Reihe von Stollen zu graben, um sich vor den Bomben zu schützen. Unter unserem Haus gab es schon einen Schutzbunker im Fels, der fast fertiggestellt war und wir mussten dasselbe in dem Hügel machen, der die Gebäude der Kommandantur dominierte. Wir arbeiteten jeweils zu zweit von jeder Seite, weil diese Schutzbunker, in Form eines Hufeisens, aus zwei Stollen bestanden, die etwa 50 Meter lang parallel verliefen, um danach aufeinander zu treffen. […] Von den Tagen, die ich im Exil verbrachte, waren diese ohne Zweifel einige der schwersten. Mitten im Sommer war die Feuchtigkeit so hoch, dass ich mein Hemd nicht ausziehen konnte. Während viereinhalb Monaten konnte ich, abgesehen von den Momenten, wenn wir die Lore hinausschoben, um die Erde zu entleeren, kein Tageslicht sehen. Ich denke, dass ich es aufgrund meiner leidgeprüften Anpassung in der ersten Zeit [Anm.: im Lager] geschafft habe, diese Zeit zu überstehen. Die Arbeit war wirklich erschöpfend: jeden Tag einen Meter vorrücken, was bedeutete, mit der Spitzhacke vier Kubikmeter Erde und Fels auszugraben und während wir gruben abzustützen, um Erdrutsche zu vermeiden. Ein SS-Mann kam jeden Morgen vorbei, um die Arbeit des Vortages zu kontrollieren und zog sich anschließend zurück. Das war der einzige Besuch des Tages, aber alle Qualen der Hölle wurden uns versprochen, wenn wir die vorgegebene Arbeit nicht erledigten. Wir trafen morgens vor Sonnenaufgang ein und wenn wir abends herauskamen, um uns dem Rest des ‚Kommandos‘ anzuschließen, war die Sonne untergegangen.“
Begegnungen
„Da ich gut genug Deutsch sprach, fragte die SS, die sich um den Lastwagen kümmerte, der mit dem Nachschub des Generalstabs beauftragt war, mich eines Tages, ob ich fähig wäre, mich um den Wagen, der den Holzvergaser betrieb, zu kümmern. Obwohl ich keinerlei spezifische Kenntnisse in diesem Bereich hatte, antwortete ich mit Ja […]. Es scheint, dass ich mich gut schlug, weil ich diesen Dienst fortsetzte. Dies hatte den Vorteil, dass ich jeden Tag in die Stadt gehen durfte und Bekanntschaft mit der deutschen Bevölkerung schließen konnte. Die Bewohner von Kassel hatten sich schon daran gewöhnt, uns zu sehen und wussten, dass wir trotz unserer Uniformen nicht wegen Straftaten inhaftiert, sondern, gemäß der deutschen Nomenklatur, politische Gefangene waren. Die Angestellten der Lagerhäuser der Intendantur, des Bahnhofs und der verschiedenen staatlichen Stellen, in deren Häusern wir die Lebensmittel abholten, beschwerten sich, im Geheimen, über die Dauer des Krieges, der ihnen, nach der alliierten Invasion an der Westfront und dem russischen Vorrücken im Osten, verloren schien. Andere hingegen glaubten an den Sieg über die Feinde des Großdeutschen Reichs. Diese letzten Meinungen wurden mit lauter Stimme ausgesprochen, während die anderen mit der größten Vorsicht ausgedrückt wurden. Häufig sprach ich mit französischen Kriegsgefangenen, deren Leben sich langsam verändert hatte. Von allen Kriegsgefangenen, die sich in Deutschland befanden, waren die Franzosen die einzigen, die sich frei zur Arbeit begeben konnten und auf dieselbe Weise für den Abend- und Morgenappell zurückkehrten. […] Aufgrund der letzten militärischen Vorkommnisse wurden unsere Rationen an Nahrungsmitteln reduziert. Ich fand aber eine Kompensation in meiner neuen Arbeit: Wenn wir zum Bahnhof oder in die Stadt gingen, verpasste ich nie die Gelegenheit, einige Kartoffeln oder Kohl zu stehlen und regelmäßig gaben uns deutsche Zivilisten, denen es an vielen Dingen fehlte, die aber weit davon entfernt waren, zu hungern, Brot.“
Die Räumung des Lagers
„Bei der Rückkehr in die Kommandantur erwartete uns eine große Überraschung: Ich traf Mendibure und Aimé wie auch Wassili dabei an, wie sie alle Papiere aus den Büros in die beiden Heizkessel der Zentralheizung brachten. Die Deutschen verkündeten, dass die amerikanischen Streitkräfte sich bis 60 Kilometer vor Kassel angenähert hatten, was im englischen Radio nicht erwähnt worden war. Sobald die Papiere verbrannt waren, bereiteten die Deutschen den Lastwagen sowie alle verfügbaren Fahrzeuge vor. Wir kehrten mit der Idee in unseren Block zurück, dass wir am nächsten Tag befreit sein könnten, dachten aber gleichzeitig darüber nach, wie die Evakuierung nach Buchenwald ablaufen würde. Mit dem Zug war es unmöglich. Die Schienen waren nicht mehr als ein Flickwerk verbogener Gleise. Zu Fuß war die Variante, die mir am plausibelsten erschien, aber die Wachposten, die uns bewachten und sicherlich damit beauftragt waren, uns zu eskortieren, hatten zum größten Teil die sechzig überschritten und schlurften mehr mit den Füßen als wir, die für dieses schwere und harte Leben trainiert waren. Da die Distanz, die uns von Weimar trennte, noch 160 Kilometer betrug, dachten wir, dass wir keine Zeit hätten, zu entkommen und dass wir auf dem Weg von den alliierten Truppen aufgegriffen werden würden. […] Während der Nacht […] wurden die Wachposten um das Lager herum verdreifacht. Um acht Uhr morgens am 26. März warteten wir weiterhin auf Befehle, die in Form einer zusätzlichen Verteilung von Brot begannen einzutreffen. Um neun Uhr kamen zwei große Autos, die mit Schweröl betrieben wurden, jedes mit einem Anhänger, um sich auf der Straße vor dem ‚Kommando‘ zu positionieren. […] Trotz ihrer großen Nervosität hatten die SS und die Polizisten den arroganten Ton und ihre Herrenmanieren verloren. Allerdings waren wir alle entmutigt, weil wir niemals einen solchen Transport erwartet hätten. Die beiden Autos fuhren mit allen Wachen, eskortiert von Motorradfahrern, in Richtung des Lagers. Entlang der Straße überholten wir mehrere ‚Kommandos‘ von englischen und französischen Gefangenen, die sich langsam zu Fuß zurückzogen, immer bewacht, aber von Truppen, die in Wahrheit unbedeutend waren. Wir kamen um fünf Uhr nachmittags im Lager an. […] Die Befreiung war nicht weit entfernt, aber die letzten 15 Tage der Gefangenschaft übertrafen in ihrem Horror alles, was ich bisher gesehen hatte […].“
Aus: Emile Henry, A morte lenta. Memórias dum sobrevivente de Buchenwald, Porto 1945, S. 143 ff. (Übersetzung aus dem Portugiesischen)